Letztens in der Post…

13.01.06 - 18:18 von yana

hatte sie einen Brief vom Arbeitsamt gefunden. Klein und unscheinbar und völlig überraschend. Schließlich lebte sie zwar in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft, war aber selbst gar nicht arbeitslos gemeldet und hatte auch sonst immer brav alles abgegeben, was gefordert worden war, der gültige Bescheid lag auf ihrem Schreibtisch. Aufklärung konnte auch das Schreiben selbst nicht bieten, das anfing mit:”Sehr geehrte Frau Y, bringen Sie bitte den Anmeldebogen ausgefüllt mit.” Fragen über Fragen taten sich auf. Wann? Wohin? Zu wem? Warum? Ameldung wozu? Doch keine dieser Fragen wurde in diesem Brief beantwortet. Lediglich ein Datum wurde genannt, kein Name, keine Zimmernummer, keine Unterschrift, nur eine vage Zeitangabe(8-18Uhr) und zwei Seiten voller Drohungen, was passieren könnte, käme sie dieser Einladung nicht nach, dazu tatsächlich ein Anmeldebogen mit Fragen zu Familienstand, Anzahl und Alter der Kinder(das hatte sie doch alles längst angegeben?), Fragen zu Berufsausbildung und Sprachkenntnissen(einschließlich Muttersprache nur zwei Zeilen zur Verfügung, sehr witzig)(ob die das verstanden, wenn sie bei Lesefähigkeit in Latein “sehr gut” angab? Schließlich liest sowas JEDER einfach so vom Blatt…wahrscheinlich nicht, aber sie gabs trotzdem an) und letztlich noch ein unscheinbarer Abschnitt in dem man ankreuzen sollte, ob der Termin auf Einladung des Sozialzentrums her wahrgenommen werde-sehr witzig, war das Schreiben doch von ganz anderer Seite abgeschickt worden) und bei “gewünschter Tätigkeit” gab es die Auswahl zwischen “Teilzeit” und “Vollzeit”, ankreuzbar. Verzweifelt drehte und wendete sie das Blatt, suchte nach einer dritten Möglichkeit, aber irgendwie ließ sich die nicht auffinden. So beschloß sie denn, daß weniger manchmal mehr ist und ließ das entsprechende Feld einfach leer. Sollte sich ein anderer damit abplagen…

Am entsprechenden Tag nun erschien sie also brav an gewünschter Stelle im Anmeldebereich. Schon beim erreichen desselben machte sich leichte Panik breit, die Warteschlange war endlos, sämtliche Stühle im “nehmen Sie noch einen kurzen Moment im Wartebereich Platz” besetzt. Mitarbeiter der Dienststelle riefen Menschen aus diesem Bereich in etwa zwanzigminütigem Kaffeepausenabstand nach hinten in die Besprechungsräumlichkeiten einzeln auf, der ganze Raum füllte sich schneller, als er sich leerte, es roch nach Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit, Desinteresse. Begrüßt wurde man nicht etwa von einem Menschen, nein, von mehreren Schildern, die übergroß die wartende Menge anschrieen: “Donnerstags ab 13 Uhr NUR für berufstätige”. Sehr witzig das. Hatte es in ihrer ganz persönlcihen Einladung nicht geheißen, sie solle sich zwischen 8 und 18 Uhr melden??? Doch, hatte es. Diese Kleinigkeit hatte man wohl zu erwähnen vergessen…ein schneller Blick in die Runde ließ sie außerdem stark erahnen, daß die derzeitige Klientel erstens nicht in besagte Zielgruppe gehörte und zweitens nie und nimmer bis 13 Uhr abgefertigt(oh ja, nur so konnte man es nennen) sein würde.

Tatsächlcih geschah das, was sie schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, nach etwas über zwanzig Minuten schon war sie…oh nein, nicht in einem der berüchtigen Diensträume, sie war bis zum Schreibtisch an der Anmeldung vorgerückt. Dort saß nun ein Mensch, der schon zu dieser frühen Stunde sichtlich ermüdet schien. Kunststück, hatte er doch keinen eigenen Raum, in dem er auch mal unauffällig eine Kaffeepause hätte einschieben können. Freundlich begrüßte er den Monitor seines Computers:”Guten Morgen”, dann abwartende Stille. Als der Monitor tatsächlich nicht antwortete, bekam diesmal zur Belohnung nach einer Schweigeminute Frau Y einen Blick. “Ich habe da von Ihnen ein Schreiben bekommen”, versuchte sie das Eis zu brechen. Der Mann nahm das Schreiben, las es, schaute Frau Y ratlos an. “Ist das Ihre Tochter?”"Äh…nein, das bin ich” “Sollten da noch fehlende Unterlagen nachgereicht werden?” “Äh…nicht, daß ich wüßte, der aktuelle Bewilligungsbescheid ist hier.” Das Gesicht des Menschen hinterm Schreibtisch zu beschreiben war in diesem Moment ziemlich einfach, es bestand aus lauter Fragezeichen. Er drehte und wendete sämtliche Seiten des Anschreibens samt des berüchtigten Anmeldebogens mehrmals hin und her, tipperte irgendwelche Sachen in seinen Computer ein, alles was fehlte, was die Frage, warum denn bitteschön Frau Y bei ihm sei, was er getan hatte, um das zu verdienen, warum sie seine wertvolle Zeit vergeude, schließlich wurde die Warteschlange hinter ihr nicht kürzer. Mit Mühe schluckte er all diese Bemerkungen herunter, es fiel ihm schwer, soviel war offensichtlich. “Ich gehe dann mal jemanden fragen”, sprachs und verschwand. Nach kurzer Zeit, hatte für eine halbe Packung Magentabletten, heruntergespült mit einer halben Tasse irgendeines Getränks gereicht, kam er wieder an seinen Platz, kritzelte noch etwas auf dem Bogen herum, suchte nochmals verzweifelt nach irgendeiner Identifizierung darauf(irgendwen MUSSTE er doch dafür verantwortlich machen können?) fand keine und verabschiedete sich kopfschüttelnd aber einigermaßen freundlich von Frau Y. Die fiel nach zwei Metern allerdings schwerverletzt um, als sich ungefähr zweihundert tödlich unfreundliche Blicke in ihren Rücken bohrten, als sie sich statt, wie alle anderen, leidgeprüften Blickes “kurz in den Wartebereich” zu begeben, unverschämterweise Richtung Ausgang strebte. Erst später sollte sie die Gelegenheit erhalten, ausgiebig über die Verschwendung von 4,10Euro Fahrgeld und zwei unwiderbringlichen Stunden ihres kostbaren Lebens zu trauern…

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zuletzt: 05.12.2008 - 11:14

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