Der Stein mit dem unbekannten Namen

08.01.08 - 21:10 von K.

Hätte sich in der Schublade des kleinen Tisches, dessen Breite gerade ausreichte, um darauf eine Tatstatur, eine Maus und eine große Tasse abzustellen, in der K vorwiegend abends, an Wochenenden auch nachmittags, einen Milchkaffee trank, nicht ein Stein befunden, für den K nicht den exakten mineralogischen Begriff wusste, so hätte er den gesamten Inhalt besagter Schublade mitgeteilt und sich nicht mit der beispielhaften, aber nicht abschließenden Aufzählung begnügt, die mit dem wissenschaftlichen Taschenrechner begann, sodann die Lupe und den Kompass nannte, und die auch einige Spielbankjetons und eine Sonnenbrille erwähnte sowie einen fast kompletten Satz Rommee-Karten und insgesamt 4 Quittungen über die Zahlung der Praxisgebühr aus den Jahren 2004 und 2005, die von K nunmehr mit der linken Hand herausgenommen, kurz überflogen und schließlich in den in der Küche befindlichen Mülleimer geworfen wurden, dessen Deckel im Verlauf von nur wenigen Wochen seinen ursprünglichen Chromglanz durch eine allmählich sich aus Staub, Fettspritzern und getrockneten Kaffeeresten gebildete Schmutzschicht eingebüßt hatte.

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zuletzt: 22.11.2008 - 23:47

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  • 1. K.  |  09.01.2008 um 22.40

    Endlich einmal hat ein mutiger Autor ein Thema angepackt, das das letztes großes Tabu der zeitgenössischen darstellenden Kultur darstellt. Mit Feingefühl und Liebe zum Detail beschreibt K das Innenleben einer Schublade.

    Die Schilderung des menschenleeren Stillebens baut in ihrer hyperrealistischen Darstellung ein Spannungsverhältnis zum Schubladeninhaber auf und weist mit metaphorischer Dichte in den Seelenraum des lyrischen Ichs des Erzählers. Allegorische Bezüge zum Zahlenfetischismus werden durch die Erwähnung eines Taschenrechners ebenso leicht und spielerisch hergestellt wie der Hang zum Makro-Voyeurismus, der dem Leser frech in Form der Lupe entgegentritt. Auch die übrigen Andeutungen zeigen die Existenz des modernen Menschen zwischen Orientierungslosigjkeit, Konsumnihilismus und der Vergänglichkeit des Seins.

    Weiter so, K!

  • 2. lord.daywalker  |  10.01.2008 um 07.32

    Mein lieber K. - eine trefflichere Beschreibung hätte auch Marcel Reich-Ranicki nicht abliefern können. Meinen Glückwusch!

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