citizen.x ~ Arschloch

08.04.08 - 01:57 von citizen.x

Zum besseren Verständnis muss man vorausschicken, dass citizen.x eine positive Definition von Familie erst im zarten Alter von über 30 Jahren überhaupt finden konnte. Seine eigene ‘Familie’ kennzeichnete sich die ersten 15 Jahre eigentlich nur durch Desinteresse des Vaters und/oder tägliche Prügelorgien der unzufriedenen Mutter, die ihren selbstauferlegten Frust ja verständlicherweise los werden musste. Da Eltern gerne auch mal ein Lieblingskind haben und citizen.x diese Stellung nicht inne hatte, braucht es keine grossartigen Erklärungen um festzustellen, dass das Verhältnis der Brüder untereinander, sagen wir, gestört war. Nachdem die Kinder gross waren, wie es immer so schön hiess, und auf eigenen Beinen stehen konnten, liess die Mutter sich scheiden, Eltern und Bruder verzogen und der Kontakt beschränkte sich im Laufe der Jahre zunehmend bis hin zu einigen kurzen Besuchen bei der Mutter. Nachdem sich die Brüder fast 10 Jahre nicht gesehen hatten - der Kontakt zum Vater ist seit fast 15 Jahren angerissen - plante die Mutter heimlich zu Weihnachten eine Art Familienzusammenführung. Ergo sass man am 2. Weihnachtsfeiertag plötzlich und unvorhergesehen an einem Tisch und tat nach Kräften so, als sei man die Familie, die man immer beklagt hatte. Einseitig ausgesprochene Einladungen ignorierte citizen.x so gut er konnte - auf vehemente Nachfrage fand man immer ‘Gründe’ die dagegen sprachen.. Zum grossen runden Geburtstag referierte die Mutter an der chinesischen Festtafel darüber, wie gut sie doch immer zu ihren Kindern war, bis citizen.x aufsprang - der Stuhl kippte nach hinten - und erklärte, dass sie das sofort zu unterlassen hätte oder er würde zuerst ein paar wahre Geschichten erzählen und dann ein für alle Mal auf solche Treffen verzichten würde. Im Alter - das hat man ja schon mal wo gelesen - glorifiziert man seine Erinnerung offenbar wirklich gerne …
 
Wie dem auch sei - es begab sich, dass die Mutter sich einer grossen Operation unterziehen musste und da sie am Ort wohnt und der Bruder 2 Autostunden entfernt, sah citizen.x es als seine Aufgabe an, die entsprechend anfallenden Arbeiten zu erledigen. Die Telefonate mit dem Bruder nahmen situationsbedingt zu - solche Telefonate bei denen man nach der eigentlichen Information, die es zu übermitteln galt, gar nicht mehr weiss, über was man sprechen sollte - waren die Brüder doch grundverschieden. Plötzlich meldeten sich Verwandte (die Mutter hatte die Telefonnummer wohl herausgegeben) die man Jahrzehnte nicht gesehen oder gesprochen hat und reden von “Wir müssen uns unbedingt mal treffen” - nee Leute in 100 Jahren nicht - einen Menschenschlag, der sich von einem abwendet, weil man nach deren Dafürhalten zu einer Beerdigung nicht korrekt gekleidet erscheint - nein danke!
 
Aber wollen wir detailverliebt nicht weiter abschweifen … Während der stationären Rehamassnahme hatte die Mutter also am Ostermontag Geburtstag. Ein paar Tage vorher schickt der Bruder eine eMail in der er erklärt, dass er zum Geburtstag nicht kommen wird, weil er über Ostern mit seiner Frau auf den Campingplatz fährt. Schliesslich würden sie viel arbeiten und bräuchten die paar freien Tage zur Rekonvaleszenz. Aber die Adresse der Rehaklink darfs gerne sein, damit er mit einem grossen Blumenstrauss von Fleurop vermeintlich glänzen könne. Es zuckte beim lesen der eMail bereits in den Fingern von citizen.x aber er dachte sich, um ‘des lieben Friedens willen’, wäre es vielleicht angemessener, sich seiner Meinung einfach zu enthalten. Nun gut … Am nächsten Tag klingelte sein Handy auf Arbeit und der Bruder erklärte erneut, wie sehr er es bedauern würde, dass er frei Tage einem Besuch vorziehen muss, aber er und seine Frau arbeiteten halt viel. Es war ein kurzes Telefonat, da sich die Umgebung des Arbeitsplatzes in den seltensten Fällen dazu eignet, eine intensivere Kommunikation zu führen. Aber zweimal ist mindestens einmal zuviel und so liess sich citizen.x nach Arbeitsende dazu hinreissen, eine eMail an seinen Bruder zu verfassen:
 
“Ob Du/Ihr zu Mutters Geburtstag kommt oder nicht, ist mir grundsätzlich relativ egal - was ich allerdings nicht hören oder lesen möchte, sind diese Erklärungsversuche wie: “… sind die einzigen freien Tage” etc. pp. Ihr arbeitet viel - ganz klar - aber Ihr seid nicht die Einzigen. Auch meiner Frau hätte es ganz sicher gut getan, wenn wir hätten ein paar Tage wegfahren können, statt unseren vorab geplanten Urlaub zuhause zu verbringen, weil man damals ja noch nicht wusste, dass Operation und Kur für Mutter anstehen und damit jede Menge Dinge zu regeln sind. So ist es nur dem sofortigen meiner Frau zu verdanken, dass Mutter nicht gestern aus dem Krankenhaus entlassen wurde, um am kommenden Donnerstag in einer krankenkasseneigenen Klinik im Schwarzwald aufgenommen zu werden, weil das billiger für die Krankenkasse ist und Mutter nach aktueller Gesetzeslage keinen Rechtsanspruch auf eine Kur hier um die Ecke hat. Sa ich ja bekanntlich mein Geld im Schlaf verdiene, hatte ich ja Zeit mich um alles soweit zu kümmern, den Verlegungstransport selbst zu machen etc. pp. Damit will ich sagen - jeder tut was er aus seiner Warte tun kann - und zwar ohne dass man sich darüber unterhalten oder gegeneinander aufrechnen muss. Vor allen Dingen aber will ich mir nicht irgendwelche Rechtfertigungen von Deiner Seite anhören müssen.”
 
Im weiteren Verlauf dieser eMail ging es auch noch um den Ernstfall - Mutter würde zum Pflegefall. Hierzu hatte er klar erklärt, dass die Pflege zuhause von polnischen 400 Euro-Kräften zu machen sei und dass ich vor Ort das in die Wege zu leiten und zu beaufsichtigen hätte. Das wurde von mir ein letztes Mal negiert unter dem Hinweis, dass er, wenn er gegen eine Heimunterbringung sei, Mutter gerne zu sich holen könnte, um sie dann mit polnischen Pflegekräften zu versorgen.
 
Es dauerte auch nicht lange bis seine Antwort-eMail kam - sie war durchaus kurz und verständlich gehalten und beinhaltete ein einziges Wort: Arschloch
 
Der Blumenstrauss zum Geburtstag der Mutter blieb aus, Muttis Liebling verstummte in seiner Kommunikation mit dem Arschloch Bruder und wenn sie nicht gestorben sind, dann schweigen sie noch heute …

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zuletzt: 22.11.2008 - 19:39

17 monster.senf monster.senf hinzufügen

  • 1. yana  |  08.04.2008 um 09.34

    Mir würden für Mamis Liebling auch ein paar Bezeichnungen einfallen :evil:

  • 2. fluegelchen  |  08.04.2008 um 12.21

    ich bewundere deine kraft und deine engelsgeduld - ich weiß nicht, ob ich dazu fähig wäre.

  • 3. pixelpiet  |  08.04.2008 um 12.45

    Das ist schon wirklich bitter.

  • 4. Hideki  |  08.04.2008 um 13.52

    mit dem beitrag wurde mein sinn dafür geschärft, wie gut ich das eigentlich hab. werd mal versuchen, mich weniger zu beklagen, bevor ich auch so ein ausreden-sucher werde… …

  • 5. Night  |  08.04.2008 um 20.36

    Solche Leute gibts überall.. egal ob verwand/verschwägert oder einfach nur Arbeitskollegen. Aber hey, was solls, das Leben wär ohne sie doch langweilig. Genauer gesagt, es wäre langweilig weil man sich nicht über solche Leute lustig machen könnte indem man sie geschickt ins Aus manövriert und sie zwingt ihr wahres (meist auch ziemlich doofes) Gesicht zu zeigen.

    Gib ihm saures, er hats verdient.

  • 6. K.  |  08.04.2008 um 22.48

    Jetzt, nachdem ich erfahren habe, welche glücklichen Kinderjahre dich in die Welt entlassen haben, kann ich mir dein sonniges, optimistisches Gemüt gleich viel besser erklären. Bisher dachte ich immer, dass dir allabendlich ein Engel ins Bettchen geschaut hatte.

    Was du an deinem Bruder auszusetzen hast, verstehe ich nicht ganz. Er denkt doch nur praktisch. Das spiegelt sich eben auch in seinem Briefstil wieder. Der lässt ja an Prägnanz und Direktheit keine Wünsche offen.

    Und wie meinst du das, dass deiner Frau ein Urlaub auch gut getan hätte? Ist sie nicht mehr im öffentlichen Dienst?

  • 7. Drako im neuen Domizil  |  09.04.2008 um 00.45

    Das liest sich wie das Libretto zu nem Dogma - Film…
    Ich bewundere deine Erkenntnis und den Mut.
    Und - auch als Enfant terrible konntest du wohl den roten Faden der Familientragödie zerreißen.
    und eine gute eigene aufbauen
    wenn auch etwas angeschlagen.
    .fritz:

  • 8. citizen.x  |  09.04.2008 um 07.48

    @yana
    Etwa welche, die mir noch nicht eingefallen sind :-?

    @fluegelchen (welcome back :oops: )
    Die letzten 40 Jahre haben abgehärtet :-o

    @hideki
    Dann hätte das rezitieren dieser Worte einen Sinn gehabt …

    @night
    Ob er nicht schon sauer genug ist :-?

    @k.
    Während einer gewissen Zeitspanne kam des Nachts schon ein ‘Engel’ in mein Bett, wenn auch mit einer ganz anderen Intention :alien:

    @drako
    Vielleicht liegt es daran, dass ich immer sehr gerne das enfant terrible war und damit wohl auch die Möglichkeit hatte, eine andere Richtung einzuschlagen als die, die man mir vorgegeben hatte …

  • 9. praktikant  |  09.04.2008 um 14.13

    heftig…ich kenn deine vorgeschichte ja schon ein bisschen aber…wow, das ist echt die Härte! Ich für meinen Teil ziehe es vor, meiner Mutter, die sich nie auf meine Seite gestellt hat, es gleich zu tun. Wenn Sie mal alt oder krank ist, kann sie sehen wo sie bleibt. Mich gibt es ja rein theoretisch garnicht! :-)

    Also von meiner Seite…respekt! Ich hätte das nicht drauf, denen zu helfen, die einem das Leben immer nur schwer gemacht haben.

  • 10. lord.daywalker  |  09.04.2008 um 18.11

    Oh … der Praktikant - welch seltener Gast in unseren heiligen Hallen ;-)

  • 11. praktikant  |  09.04.2008 um 21.30

    Jaja, mich gibts immer noch! Ab und zu schaue ich auch mal hier vorbei! :-(

  • 12. lord.daywalker  |  09.04.2008 um 22.26

    Nachdem wir damals lange nichts mehr von Dir gehört hatten, hatten wir das spontan nicht erwartet - aber sag einer wir wären nicht anziehend :-8

  • 13. praktikant  |  10.04.2008 um 07.58

    hm….joah….hab halt ne verdammte menge zu tun….z.B. einen Chef (vom Praktikum) der alles SCHNELL haben will und PROFESSIONELL zufriedenstellen! Alles am besten so, das ein Laie es bearbeiten kann! Ich spreche hier von 4 Webseiten und einem ganzen Kundensystem in PHP und MySQL…natürlich kommt er nicht drumherum, zu sagen, wie wichtig alles wäre….alle 5-6 Projekte die in seinem Kopf spuken und da raus wollen…natürlich häppchenweise wo ich eine idee nach der anderen umsetzten darf und wenn eine nicht gefällt, hach dann mach ichs halt nochmal anders…und nochmal…und nochmal…und…und…und….was ich von meinem chef halte könnt ihr euch vorstellen!

  • 14. lord.daywalker  |  10.04.2008 um 08.06

    Er sit der Traum Deiner schlaflosen Nächte nehme ich mal an :-)

  • 15. praktikant  |  10.04.2008 um 10.06

    die betonung liegt auf “schlaflos”…von so einem kann man ja nur alpträume bekommen…

  • 16. lord.daywalker  |  10.04.2008 um 16.04

    Wer ist schon mit seinem Chef so richtig zufrieden :-?

  • 17. der schlachter  |  10.05.2008 um 14.16

    ich bewunder immer diese menschen die ganz früh abhauen und im ausland leben. weit weg von der familie, denn das spart sehr oft sehr viel ärger. es gibt sicher auch tolle sachen aber ich lebe zur sicherheit mein leben auch so ziemlich für mich. viel kraft

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