ausgeliefert

15.10.08 - 20:06 von MJoe

Als junger, gesunder Mensch kann man sich aussuchen, wem man vertraut.
Findet man, dass ein Arzt unfähig ist, geht man zu einem anderen. Ist man unzufrieden mit der Behandlung im Spital, unterschreibt man einen Revers und geht. Oder droht mit dem Patientenanwalt. Man wehrt sich.
Hat man keine Lust zu kochen, dann geht man essen oder läßt sich eine Pizza liefern. Und ist man mit der Lieferung nicht einverstanden, bestellt man nächstes Mal woanders. Wenn der Bote kommt, klingelt er, man macht die Tür auf, nimmt die Pizza entgegen, bezahlt und fertig.
Seinen Wohnungsschlüssel gibt man freiwillig seinem Partner oder vielleicht der Mama oder dem besten Freund für Notfälle.
Überhaupt hat man junge, aktive Freunde, die einem helfen, wenn man in Not ist. Die einem gegebenenfalls unfähige Ärzte und lästige Besucher vom Hals halten oder auch mal mit etwas Geld aushelfen.
Man wäscht sich selbst, sucht sich selbst seine Kleidung aus und bestimmt selbst, wohin man geht und was man tut.
Man kann im Schlaf ein Handy bedienen, hat also keine Angst, dass man keine Hilfe erreicht, wenn irgendwo irgendwas irgendwann passiert.
Man hat Internet, Stammlokale, Discos, Cliquen und keine Angst, allein dazustehen.

Klingt alles nach einfachen Kinkerlitzchen, aber wenn man betagt, alt und vielelicht auch noch pflegebedürftig ist, ändert sich dieses Bild schlagartig.
Das kann oft wirklich von einer Minute auf die andere passieren. An einem Tag geht man noch fröhlich mit den Freundinnen in die Stadt auf einen Kaffee, am nächsten liegt man wegen eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls auf der Intensivstation. Und wenn man sich erholt und wieder nachhause darf, hat sich alles geändert.

Man ist nicht mehr fähig, selbst zu kochen, also bekommt man “Essen auf Rädern”.
Da ist schon das erste mal Vertrauen vonnöten, denn wer sagt, dass in dem Essen wirklich kein Gift ist? Oder wirklich keine Laktose, weil man ja diese Intoleranz hat? Oder dass das Fleisch wirklich frisch ist und nicht verbilligte weil gammelige Ware verwendet wurde? Plötzlich ist man ausgeliefert, MUSS einfach vertrauen.
Das Essen wird geliefert. Da man selbst nicht fähig ist, die schwere Box zu tragen, läßt man den Lieferanten in die Wohnung. Und wieder ist Vertrauen notwendig, denn wer sagt, dass man keinen Serienkiller oder Räuber in die Wohnung läßt? Oder jemanden, der einem freundlich ins Gesicht lacht, aber beim Hinausgehen den vergessenen Diamantring auf der Anrichte mitgehen läßt? Oder ein Kundschafter für Einbrecher, Trickbetrüger oder sonstige Kriminelle ist?
Möglicherweise ist es einem auch gar nicht mehr möglich, selbst die Tür zu öffnen. Dann haben die Lieferanten einen Schlüssel. Den sie jederzeit benutzen können. Der Lieferant könnte mit dem Schlüssel um jede Tages- und Nachtzeit in die Wohnung kommen und einfach alles anstellen. Da ist ganz schön viel Vertrauen notwendig! Zu dem man eigentlich gezwungen wird. Vertraue oder verhungere. Nicht jeder alte Mensch hat Verwandte. Oder zumindest keine in Reichweite. Und die meisten Freunde sind bereits gestorben. Der Rest ist selbst pflegebedürftig, man hat also keinen, der für einen einkauft und kocht, man MUSS essen auf Rädern nehmen.
Vielleicht will sie ja die jugendliche Tochter der Nachbarn was dazuverdienen und hilft aus, aber wer sagt, dass man der vertrauen kann?

Man kann eine mobile Pflegerin engagieren. Die einen Wohnungsschlüssel hat und somit jederzeit kommen und gehen kann. Jederzeit. Eine junge, kräftige Pflegerin, ausgebildet in richtigem Körperkrafteinsatz, in Medikamentenkunde und sonstigen Tötungsmöglichkeiten.
Man liegt im Bett im dunklen Zimmer, vielleicht in einem beschmutzten Inkontinenzslip und muss warten, bis die Pflegerin kommt. Vielleicht ist sie verhindert, hatte einen Unfall. Oder einfach vergessen. Was dann? Kein Telefon in Reichweite. Mit dem Handy kann man nicht umgehen. Es hat zwar extra große Tasten, aber es hatte noch niemand die Zeit, einem die Benutzung zu erklären. Außerdem sieht man schlecht und kann die Anzeige auf dem Monitor sowieso nicht erkennen. Am Handgelenk ist der Seniorennotruf. Wieder mußte man Wildfremden einfach vertrauen und den Leuten vom Roten Kreuz den Schlüssel zur Wohnung geben. Ansonsten können sie im Notfall ja nicht herein. Soll man also den Notruf betätigen oder doch lieber noch warten, ob die Pflegerin nicht kommt. Man hat ja keine Ahnung, wie spät es ist, denn ohne Brille kann man die Anzeige auf der Uhr nicht erkennen. Und die Brille liegt in der Küche.

Die Pflegerin kommt. Man ist ihrer Laune ausgeliefert. Wenn ihre Kinder sie geärgert haben, dann packt sie schon einmal fester an. Manchmal gibt das blaue Flecken. Und sie flucht vor sich hin, wenn man Stuhl im Inkoslip hat. Aber man kann ja gar nichts dafür, es ist ja bekannt, dass man inkontinent ist. Man traut sich nicht, der Pflegerin zu widersprechen, weil sie die Macht hat. Es ist die eigene Wohnung, aber mit der aufgetretenen Pflegebedürftigkeit hat die Pflegerin die Macht übernommen. Weil sie keine Lust hat, ein Marmeladebrot zu streichen gibt es heute nur Haferflocken mit Milch. Und um ein Ei zu kochen hat sie keine Zeit mehr. Man muss also frühstücken, was sie einem vorsetzt. In der eigenen Wohnung, in der man jahrzehntelang ganze Gesellschaften bewirtet hat.
Man traut sich auch nicht, der Pflegerin deswegen etwas zu sagen, dann wird sie womöglich noch grantiger, das riskiert man lieber nicht. Sonst benutzt sie für die Körperpflege wieder eiskaltes Wasser.

Die Körperpflege. Die Pflegerin bestimmt Wassertemperatur, Feuchtigkeitsgrad des Waschlappens und Seifenmenge. Sie berührt einen überall, auch dort, wo es peinlich ist. Und manchmal tut es weh. Das macht sie vielleicht nicht mit Absicht, aber sie spürt es ja nicht. Man wird von ihr angezogen in Sachen, die sie aus dem Schrank gesucht hat. Sie zieht einem einen rosagrauen Trainingsanzug an, wo man doch sein ganzes Leben lang immer elegant gekleidet war! Sie hat auch keine Geduld für eine schicke Hochsteckfrisur, also bindet sie die Haare nur mit einem Zopfband zusammen. Und das gesicht cremt sie einen auch nciht ein, obwohl die Haut trocken ist und spannt. Keine Zeit. Obwohl sie jede einzelne Minute von eienm bezahlt bekommt. Vielleicht hat sie auch nur keine Lust.
Sie drückt einem die Zahnprothesen auf die Kiefer und die Brille auf die Nase.

Nach dem Frühstück geht sie mit einem in die Küche. Man kann wegen seiner Erkrankung keine großen Schritte mehr machen und geht vornübergebeugt, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Wie mit einem Kind spricht sie mit einem: “Gerade gehen!” “Gehen Sie aufrecht!” “Schön ordentlich große Schritte machen!” “Nicht auf den Boden schauen!” Können vor Lachen!
Im Wohnzimmer wird man in einen Lehnstuhl gesetzt, der Fernsehapparat wird eingeschalten. Bereits um acht Uhr morgens. Und wenn sie mit den Gedanken bereits woanders ist, dann vergißt sie, den Rollator in greifbare Nähe zu stellen. So ist man gezwungen, im Lehnstuhl zu sitzen - denn ohne Rollator kann man nicht mehr gehen, man würde sofort auf die Nase fallen und sich etwas brechen - bis wieder jemand kommt und einen befreit.
Man kann sich nicht bei der Vorgesetzten der Pflegerin beschweren, denn man hat Angst vor den Folgen. Was ist, wenn die dann gar niemanden mehr schicken? Oder jemand anders, der vielleicht brutal oder ein Dieb ist? So findet man sich lieber mit der Situation ab und akzeptiert die gedankenlose Pflegerin.
Auch ihr muss man vertrauen. Denn wenn sie geht, sitzt man im Wohnzimmer, wer sagt, dass sie nicht in den anderen Zimmern die Wertsachen zusammenrafft und damit verschwindet? Und wenn sie es tut, bei den vielen Leuten, die einen Schlüssel für die Wohnung haben, wem sollte man dann was nachweisen können?

Noch jemand, dem man vertrauen muss, ist der Hausarzt. Die Menschen, die jetzt alt sind, stammen aus einer Generation, die erstens medizinisch unaufgeklärt sind und zweitens erzogen wurden, Ärzte als Götter anzusehen. Was der Arzt sagt, stimmt, und was er verordnet muss eingehalten werden. Den Arzt einfach zu wechseln, so wie wir Jungen es beizeiten tun, oder sich eine Konsiliarmeinung einzuholen, kommt für diese Generation einfach nicht in Frage. Wenn nicht ein Verwandfter oder eine Pflegeperson dahintersteht und einem sagt, dass dieser Arzt ein Stümper ist und einem nicht guttut, hat man als Betagter weder den Mut noch das Wissen, um zu einem anderen zu gehen. Man ist also dem Können, dem guten Willen und der Freundlichkeit seines Hausarztes ausgeliefert. Ebenso der Person, die einem die verordneten Medikamente verabreicht. Wer sagt, dass sie sich nicht vertut und einem die vierfache Menge an Digitalis verabreicht?

Bankgeschäfte, andere Geldangelegenheiten, Dinge, die auf der Post zu erledigen sind und noch vieles, vieles mehr wird plötzlich Menschen anvertraut, die man vielleicht nicht einmal wirklich kennt. Man MUSS vertrauen, wenn man überleben will. Man ist vollkommen ausgeliefert. In einer Welt, von der man tagtäglich in den Medien gesagt bekommt, dass sie immer schlechter wird, dass es keine ehrlichen Menschen mehr gibt.

So manche Leser wird nun vielelicht bei sich denken, ich habe die Situation etwas übertrieben dargestellt. Denen möchte ich sagen:
Macht eine “Fantasiereise” der anderen Art. Legt Euch ruhig und entspannt an einen bequemen Platz. Denkt an etwas Schönes. Macht die Augen zu. Und dann stellt euch folgendes Szenario vor:
Ihr wacht auf, Eure rechte Körperhälfte ist gelähmt, Ihr könnt nicht mehr richtig sprechen, sondern nur mehr lallen. (Symptome schwerer Schlaganfall)
Ihr bemerkt, dass ihr in Euren eigenen Exkrementen liegt. Ihr könnt nur den Kopf heben und seht Euch um. Da bemerkt Ihr, dass Ihr einem Zimmer in einem Altenheim liegt, Euer Bett hat rundherum ein Gitter. Rechts neben Euch, nur etwa einen Meter entfernt, steht ein zweites Bett, Ihr lebt in einem Doppelzimmer.
Und nun überlegt, was Ihr alles nicht mehr selbst könnt, was von anderen für Euch gemacht werden muss. Wem Ihr einfach vertrauen MÜSST, weil Ihr ausgeliefert seid.

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zuletzt: 09.01.2009 - 03:10

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  • 1. citizen.x  |  16.10.2008 um 01.37

    Nachdem ich das gelesen habe, frage ich mich, woher ich wohl das nötige Mittel bekomme und wie ich es stets griffbereit halte, damit ich dem Ganzen dann ein Ende setzen kann. Und ich denke mit einmal mehr, dass ich nahe 50 bin und danach 60 kommt - dass ich rauche wie ein Schlot, dass ich ewig Chemie in mich hineinstopfen muss, weil ich chronisch krank bin und 24 hrs. am Tag Schmerzen habe, dass ich nur sehr begrenzt gesund lebe und plötzlich ist da kein Gedanke mehr, dass ich eigentlich ein gutes Leben habe, ein erfülltes Leben und eine wunderbare Frau - ohne Frage - und plötzlich ist da nur noch der Gedanke daran, dass ich immer schon denke, dass es mich eines Tages erwischen wird und dass irgendwer es für sinnvoll erachten wird, mein Sabbern solange wie möglich zu erhalten, um den Wirtschaftsfaktor auch ja nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen und es ergreift mich Panik - leise und tief - Panik die mich heute Nacht vielleicht nicht schlafen lassen wird, wie schon so oft. Vielleicht geniesse ich in dieser Nacht die Schmerzen, weil sie mir zeigen, dass ich lebe - vielleicht wünsche ich mir auch einfach einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen. Vielleicht denke ich auch an einen lieben Menschen, der schon vor einiger Zeit gestorben ist und denke daran, wie gefasst sie war als sie mich verabschiedete und wusste, dass ich sie am nächsten Tag nicht wiedersehen würde. Mein bester Freund und ich haben uns versprochen, dass der jeweils andere helfen wird, eine solche Situation nicht länger ertragen zu müssen als notwendig. Wir werden sehen, wenn es eines Tages soweit ist …

  • 2. Drako  |  16.10.2008 um 14.57

    ich muß sagen, daß ich mich noch nicht entschieden habe, wie feige ich eigentlich sein will, denn ich halte mich einerseits für feige genug, nicht den Mut aufzubringen, im Extremfall die Entledigung allen Leids selbst zu ermöglichen, andererseits ists auch feige, die Lasten all des oben beschriebenen Zustandes nicht anzuerkennen, und sich rechtzeitig um eine gute Unterstützung - heißt Zutrauen - zu bemühen.
    JETZT ist die Zeit dazu, denn selbst ich als noch-nicht-so-alter-Sack bin schon weit über die Zeit hinaus, in der ich angeführte Schicksalsschläge hätte erleiden können.
    Und ich bin etwas abergläubisch, durch eine zeitnahe Organisation des Abschieds könnte ich ja den Teufel an die Wand malen…
    :fritz:

  • 3. MJoe  |  16.10.2008 um 15.45

    Werter citizen,
    die Frage bleibt:
    Will man einem Freund diese riesige Aufgabe zumuten?
    Man selbst hat danach ja keine Sorgen mehr, aber dieser Freund bleibt zurück mit Schuldgefühlen, Zweifeln und der Frage “War es wirklich das Richtige?”
    Und wenn ich dejenige bin, der dem Freund “helfen” soll:
    Habe ich den Mut und auch den Willen dazu?
    Wenn man mich erwischt, werde ich als Mörder verurteilt. Mein Leben ist verwirkt. Ist mir das dieser Mensch wirklich wert?

    Gerade wurde ein Arzt verurteilt, weil er einer schwerkranken Frau zur tödlichen Dosis Morphium verholfen hat. irgendwann vor einer halben Ewigkeit hat sie ihm mal was geschenkt, deswegen steht er jetzt als Mörder aus Gewinnsucht vor Gericht.

    Will ich meinen Freund wirklich dieser Gefahr aussetzen?
    Die ganzen anderen ethischen Fragen mal weg gelassen…

  • 4. bored72  |  16.10.2008 um 23.50

    das zum einen und zum andern der umstand
    dass es sich bei ner kippe am heimeligen herd
    gut und gern über sowas reden lässt
    aber wenn der ernstfall eintritt
    ist die frage ob der jeweils andre tatsächlich den mumm hat
    nicht nur wegen der von eela geschilderten umstände
    das ganze tatsächlich durchzuziehen …

  • 5. Cybaer  |  17.10.2008 um 08.46

    Aufwachen, lallen, Exkremente, Gitter, “Doppelzimmer”, …

    Also als ich das letzte Mal so aufgewacht bin, war das nicht im Altenheim, sondern auf der Polizeiwache. :-?

    Ich war allerdings nicht halbseitig gelähmt, sondern eher ganzseitig, und ich hatte noch eine Spontan-Demenz! :-)

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