citizen.x - begegnung

10 monster.senf 11.11.08 - 00:27 von citizen.x

am abend auf dem weg zur gymnastik kommt er automatisch am seniorenstift vorbei - sein blick schweift hinüber zum erleuchteten fenster - die fernseher laufen - in allen stockwerken - soweit sein auge reicht - er sieht ihn an - der alte mann - sein schütteres ist ungekämmt - er sitzt im rollstuhl und schaut ihm in die augen - auf den ersten blick ausdruckslos - nein - das stimmt so nicht - er sieht mit starrem blick herüber und er kann den blick nicht von ihm lassen - ich bin du und du bist ich - würde dich das glücklicher machen - an diesem schwarzen tag - oder an einem beliebigen anderen - ich sitze hier und warte auf den tod - jeden tag - er kommt - zu anderen - nur nicht zu mir - er will antworten - aber der blick gebietet genau das nicht zu tun - dazustehen und zu wissen - ich bin du und du bist ich - du stehst da draussen und siehst herein - ist mein leid denn grösser als das deine - lässt sich das ermessen - kann mein leid deinen geist erhellen - oder siehst du durch mich nur in die zukunft - ängstigst dich und fragt nach dem warum - nimm dir ein beispiel - siehst du mich weinen - hörst du mich schreien - nein - ich bin ganz ruhig und warte jeden tag und jede nacht - und da stehst du - bist du der tod?
 
nun geh und nimm mit was mitzunehmen ist - wer flüstert dir ins ohr - wer schreit dich an - zu leben - zu geben - zu nehmen - dein leben - er geht - einfach so - und denkt unentwegt an ihn - fast schon freudig auf dem weg zurück - das licht ist erloschen - die vorhänge verschlossen - ganz so als gelte es das offensichtliche zu verbergen …
 
 


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Tagestext 04.01.2008

8 monster.senf 04.01.08 - 01:23 von K.

Dort, wo die Straße eine Biegung machte, lag am Straßenrand ein Heiligenbild. K hob es auf und roch daran. „Eine schlechte Angewohnheit“, dachte er, „an Dingen unbekannter Herkunft zu riechen“. Die Straße führte aufwärts weiter ins Gebirge, der Baumbewuchs nahm ab. Als hinter einer Bergkuppe eine Gestalt sichtbar wurde, die ihm langsam entgegen kam, steckte K das Bild hastig in die Hemdtasche. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er es stundenlang in der rechten Hand gehalten hatte. “Es besteht kein Grund, sich vor wandernder Kleidung, in der kein Mensch steckt, zu fürchten”, beruhigte sich K. Dennoch konzentrierte er sich, als die Gestalt auf der anderen Straßenseite vorbeiging, darauf, den Blick nicht von der weißen Markierung am Straßenrand abweichen zu lassen. Auch betonte er jedes einzelne Wort des sicher und leise rezitierten Rosenkranzes, bis die Gestalt aus dem äußersten Rand seines Blickfelds verschwunden war. K ging weiter, ohne sich umzudrehen, kalter Wind kam auf und wehte widerstandslos durch ihn hindurch, ohne dass er fror.


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