citizen.x ~ Doc Morris darf erstmal bleiben
monster.senf abgeben 10.08.06 - 06:33 von citizen.x
“Es soll ja noch ein paar wenige mutige Politiker geben” - so fangen neuzeitliche Märchen bekanntlich an …
Der saarländische Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU) war so frei und erteilte der, nach eigenen Angaben, grössten europäischen InternetApotheke Doc Morris eine Genehmigung zur Errichtung einer Apotheke in Saarbrücken. Was man also bisher nur von InternetApotheken kannte - nämlich Preisunterschiede bis zu 30% und mehr, gab es plötzlich auch in der realen Welt zu erleben. Dass das nicht ohne Folgen bleiben würde, ganz besonders nicht in Germoney, wo das soziale System ja schon seit längerer Zeit nicht mehr als finanzierbar gilt, war bereits in der vorangegangenen Diskussion klar geworden. Und selbstverständlich beschäftigt der Vorgang die deutsche Gerichtsbarkeit.
Gestern nun hat das zuständige Gericht entschieden, dass der Klage ortsansässiger Apotheker auf Schliessung der Doc Morris Niederlassung abgewiesen wird. Soweit so gut … man sollte darauf vertrauen können, dass der Europäische Gerichtshof dafür sorgen wird, dass im Bereich nationaler Apotheken gleichfalls Wettbewerb stattfinden kann und wird. Es ist auch schwer verständlich zu machen, dass beispielsweise eine öffentliche Ausschreibung europaweit stattfinden muss, während zur Sicherung der Apothekerpfründe eine Apothekenkette aus den Niederlanden hier keine Niederlassungen eröffnen darf.
Bisher haben sich die Bereiber von Apotheken schon durch den Online-Handel insgesamt gefährdet gesehen - aber der Deutsche läuft zu einem sehr hohen Prozentsatz weiterhin mit seinem Rezept in die nächste stationäre Apotheke - nach statistischen Angaben aus 2005 liegt der Medikamentenhandel via Internet gerade mal bei 3,8% des Gesamtvolumens.
Nun kann man sicher trefflich über Argumente wie Arbeitsplätze am Standort Germoney oder über die fachliche Qualifizierung des Personals diskutieren und sich in Details verlieren - aber stellen wir doch eine einfacher Grundüberlegung an: Bisher wurde damit argumentiert, dass der Onlinehandel billiger sein kann, weil es da die Masse macht, weil es keine Ladengeschäfte und kein qualifiziertes Personal gibt. Jetzt steht die Niederlassung von Doc Morris in Saarbrücken. Es gibt also ein Ladengeschäft, es gibt Mitarbeiter, etc. pp. - also die relativ gleichen Kosten, einer vergleichbaren deutschen Apotheke - und trotzdem sind Pharmaerzeugnisse weit billiger. Warum wohl? Wir erinnern uns wage, dass den Apothekern vor Kurzem vorgeworfen wurde, Rabattierungen nicht weiterzugeben. Darüber hinaus hat gerade in Monstropolis eine dritte Apotheke eröffnet und das bei rund 5.000 Einwohner. Wenn wir also weiterhin davon ausgehen, dass eine Wirtschaftlichkeitsrechnung erstellt wurde, bevor diese dritte Apotheke geplant wurde, dann muss es sich wohl lohnen …
Ob der Leser es nun für sinnvoll erachtet, dass es in einem vereinten Europa Wettbewerb über die einstigen Grenzen hinaus gibt, sei einmal dahingestellt - wenn es aber erklärtermassen Wettbewerb gibt, dann kann der ja eigentlich auch nur für alle gelten.
Und es darf als sicher gelten, dass der, ansonsten so preisbewusste Deutsche (Geiz ist geil), sicherlich auch hier auf den Preis schauen würde, wenn ihm jemand die Zusammenhänge erklären würde …

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Tags: citizen.x, Doc Morris


























