Frau S. erzählt vom Krieg
11 monster.senf 08.11.08 - 11:02 von MJoe
Frau S. ist beinahe hundert Jahre alt. Sie hat zwei Kaiser erlebt, zwei Kriege und zwei Republiken. Sie ist eine Dame aus dem einfachen Arbeiterstand. Ihr Vater war zwar der letzte Bürgermeister von St. Ruprecht, bevor dieses Klagenfurt eingegliedert wurde, aber ihr persönlich hat das für ihr Leben nichts gebracht. Ihr Gedächtnis ist phänomenal, sie erzählt mir oft und gerne aus der “alten Zeit”. Dann sitze ich gebannt wie ein Karnickel vor der Schlange und höre zu.
Heute haben wir über Krieg gesprochen.
“Im ersten Weltkrieg ging es uns sehr schlecht, wir hatten nichts zu essen. Als er endlich zu Ende war, jubelten alle und riefen `Wir wollen nie wieder Krieg!` Ein paar Jahre später haben diese Leute Hitler zugejubelt.”
“Ich fuhr damals aus irgendeinem Grund mit meiner Nachbarin nach Villach. Dort habe ich Hitler zum ersten Mal gesehen, die Stadt war voll von Plakaten mit seinem Konterfei. Ich habe zu meiner Begleiterin gesagt: `Sehen Sie sich diesen Mann an! Von dem kann nichts Gutes kommen, so häßlich, wie der ist!` Hinterher hatte ich Angst, daß sie mich anzeigt, hat sie aber nicht getan, sonst wäre ich heute nicht mehr hier. Aber von da an hat sie nicht mehr mit mir gesprochen, im Stiegenhaus ist sie grußlos an mir vorüber gegangen. Erst nach ein paar Jahren kam sie auf mich zu und meinte gönnerhaft: `Sie sind ja immer noch ein Mensch.` Aber da wollte ich nimmer mit ihr reden.”
“Die Fleischerei da drüben wurde von zwei Schwestern geführt. Wenn man morgens ins Geschäft kam, grüßten sie mit `Heil Hitler!`
Zu Mittag war es nur noch `Heiltla!` und abends nur mehr `Tla!` Keine konnte diesen Gruß mehr hören. Ich habe ihn verweigert, hatte aber oft Angst deswegen. Die ganzen Leute, die plötzlich Nazi waren, sahen mich komisch an. Nach dem Krieg waren sie plötzlich keine Nazi mehr und haben völlig vergessen, daß sie je welche waren.”
“Immer, wenn Hitler eine Rede hielt, mußten wir das Geschäft (=Hotel mit eingegliederter Konditorei) schließen, damit das Personal der Rede lauschen konnte. Ich hockte dann immer mit Heidi (=kleine Tochter der Chefin) am Boden und wir spielten mit den Zuckerln.”
Ich finde es total faszinierend, den verschiedenen Leuten zuzuhören, wenn sie über den Krieg sprechen. Ich habe Klienten aus den verschiedensten sozialen Klassen und Berufsgruppen. Jeder erzählt anders, hat etwas anders erlebt, hat andere Ansichten, hat Hitler anders erlebt. So bekomme ich ein schönes Gesamtbild.
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