Brasilien macht vor, was die EU schon lange will - Schockfotos auf der Umverpackung von Zigaretten - ich zweifle daran, dass die Gewöhnung daran nicht schon nach der ersten Stange eingesetzt hat …
“Raucher denken anders als Nichtraucher: Sie können die Konsequenzen alternativer Handlungen nicht einschätzen und lassen sie daher in ihren Entscheidungen unberücksichtigt.” (Artikel)
Unser heutiger Beitrag beschäftigt sich nicht mit den individuellen Schwierigkeiten, die sich dem Versuch in den Weg stellen, das Rauchen aufzugeben, sondern mit der Frage, wie selbst eigens für Entwöhnungswillige geschaffene Internetforen mit ihrer Klientel umgehen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen bekannt wurde, wurde ein User eines für werdende Nichtraucher eingerichteten Internet-Forums durch den Seitenbetreiber ausgeschlossen, nachdem er aufrichtig in dem betreffenden Forum über seine Schwierigkeiten mit der Nikotinentwöhnung berichtet hatte. Es handelt sich dabei um den 47-jährigen, aus dem nordbadischen M stammenden Herrn Coooper, der sich dem Forum in der Hoffnung angeschlossen hatte, zusammen mit anderen Betroffenen im Wege gegenseitiger Motivation und Unterstützung das gemeinsame Problem effektiver bekämpfen zu können.
Ohne dass ihm ein Verstoß gegen die Foren-Regeln anzulasten gewesen wäre und ohne vorherige Information durch die Seitenbetreiber wurde der Account Cooopers heute in den frühen Morgenstunden gesperrt und der von ihm begonnene Thread „Der tägliche Rückfall“ kurzerhand geschlossen, obwohl er ausweislich der Zugriffszahlen zu den am meisten besuchten Threads gehörte.
K nahm die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Coooper wahr, den er zufällig vor einem landschaftlich reizvoll gelegenen Zigarettenautomaten in einer Mannheimer No-Go-Area traf.
K: „Sag mal, Coooper, - wie erklärst du dir den Ausschluss aus dem Forum?“
Coooper: „Jemand, der mehrere Anläufe braucht, um mit seiner Sucht fertig zu werden, der hää-ähäää, räusper, hust ….”
K: „Wie sieht es denn mit der Meinungsfreiheit … huuuust, räääääh, räusper?“
Coooper: „Nun, Nichtraucher.de ist eine private Seite und roack, hääää – äm, röchel, huuuust“
K: “Aber es ist doch alles andere als …. hää-ähäää, räusper, hust ….”
Coooper: „Klar, guter Stil ist etwas anderes, vor allem weil …. huuuust, räääääh, räusper…“
K: „Ich bedanke mich für dieses röhö, röhö, rääääääh.“
Hätte K den Text, den er gerade schrieb, gestern geschrieben, wäre beim Leser das Bild eines Kämpfenden entstanden, der Versuchungen tapfer und unter großen Entbehrungen widersteht. Heute vermied er es zunächst mit jedem Buchstaben, dieses eine, grässliche Wort niederzuschreiben, das sich wie ein laut lachender Teufel über ihn lächerlich machte, dieses eine feindliche Wort, das in wenigen Buchstaben sein neuerliches Versagen anprangerte: Rückfall. Mit eiskalten Händen und vom Schüttelfrost angegriffen ging er in die Küche und rauchte aus dem Fenster, bis das Wasser für die Wärmflasche im Topf sang.
Vor dem geheimen Gesundheitstribunal wurde heute das Reueverfahren gegen den 47-jährigen K aus M eröffnet. Die Anklage beschuldigte ihn, er habe bereits in den frühen Morgenstunden gegen das Gebot 14 Abs. 1 Gesundheitssündenauswurf verstoßen, indem er sich eine Zigarette der Marke „Gauloises blond“ angezündet und bis auf den Filter herunter geraucht habe. Dieser ersten Zigarette seien, so Anklagevertreter K, im Verlauf des Tages weitere gefolgt, bis der Angeklagte sämtliche guten Vorsätze verloren und hemmungslos kettengeraucht habe. Die Einlassungen des Angeklagten waren überaus wortreich, so dass er durch den Vorsitzenden Richter K mehrmals zur Ordnung gerufen und eindringlich ermahnt werden musste, sich kurz zu fassen. Sinngemäß äußerte sich der Angeklagte so: Er habe die erste Zigarette aus Verärgerung gegenüber seinem Kollegen B geraucht. Diesem habe er angeboten, ihn morgens mit auf den Lehrgang nach H zu nehmen. Er, K, habe über 3 Minuten auf den B am vereinbarten Treffpunkt warten müssen, weil dessen Straßenbahn verspätet angekommen sei. Die dadurch entstandene Verärgerung habe er nicht anders zu bekämpfen gewusst als durch den Griff zur Zigarette. Die weiteren Zigaretten habe er geraucht, da er davon ausgegangen sei, nach der bereits erfolgten voraus gegangenen Verletzung des Nichtrauchgebotes käme es auf die folgenden Verstöße nicht mehr an. Vom Gericht wurden seine Einlassungen jedoch als bloße Schutzbehauptung zurückgewiesen. Der Angeklagte hätte bei Beachtung der gebotenen Sorgfalt auf Grund jahrelanger Erfahrung erkennen müssen, dass er auf Verärgerung stets mit Zigarettenkonsum zu reagieren pflege. Auch die folgenden Zigaretten hätten sich durchaus nicht mit der vom Angeklagten behaupteten naturgesetzlichen Konsequenz aus der zuvor gerauchten Zigarette ergeben. K wurde vollumfänglich für schuldig befunden und zu 3 mittelschweren Alpträumen zu je 4 Verfolgungen mit Blutbad verurteilt. Wegen Fluchtgefahr wurde der Angeklagte noch im Gerichtssaal verhaftet. Sein Verteidiger K kündigte Berufung an.
Haus verlassen, Tankstelle, Kippen holen. 1. Zigarette.
Bäckerei: 2 Mohnbrötchen für Töchterles Schulbrot.
Zurück in die Wohnung. Kaffee und Tee kochen, Schulbrote + Äpfel richten.
Tochter wecken, Kaffee + Zigarette.
Tochter verlässt Wohnung, nächster Kaffee + Zigarette.
9 Uhr: Frau C kommt zum Frühstück. Romantik, diverse Anrufe umgeleitet von der Kanzlei + anschließende nervliche Verheerung des K durch Frau C.
13 Uhr: Frau C verlässt Wohnung. 2 Zigaretten.
Beginn Rauchpause.
Kanzlei: Diverse Anrufe + Schriftsätze.
16.00 Uhr. HNO-Arzt Dr. O: Die OP merken Sie nicht, die Schmerzen kommen danach. Ich rate Ihnen davon ab, wenn Sie empfindlich sind. K ist empfindlich.
Zurück in Kanzlei. Diverse Arbeiten.
Zurück in die Wohnung.
18:30 Uhr: Aufs Bett gelegt und eingeschlafen.
19:00 Uhr. Anruf Frau C
19:30 Uhr: Wohnung verlassen und Auto suchen, dessen Aufenthaltsort K vergessen hatte.
Auto gefunden, zurück in die Wohnung. Rinderhackfleisch-Auflauf mit Weißkohl kochen und verzehren.
20:10 Uhr bis 21:00 Uhr: Hörspiel gehört, dann Internet, Zeitungen lesen.
22:30 Ende der Rauchpause ohne dringende Sucht, 2 Zigaretten.
Vorfreude auf Mitternacht – Neuer Tag, Neuer Anfang des rauchfreien Lebens.
Stimmung: Zufrieden, ohne merkliche Zerknirschung.
Wenn es mir jetzt wenigstens besser ginge, nachdem ich wieder geraucht habe. Aber nein. Weit gefehlt, liebe Gemeinde. Minderwertig und waschlappig fühlt sich der K. Einen Trost gibt’s aber dennoch: In ca. 2 Stunden fängt ein neuer Tag an. Ein neuer Tag, ein neues Spiel. Wenn ich es natürlich als ein Spiel betrachte, kann nichts daraus werden. Ein neues Glück. Auch nicht viel besser. Es klingt, als hätte ich keinen Einfluss darauf. Eine neuer Tag, eine neue Chance. So ist es besser. Nachdem am Wochenende die Sucht zuschlug, indem sie mir Bauchschmerzen bescherte, die ich meinte nur mit Kippen bekämpfen zu können (was auch funktioniert hat), kam heute eine neue Variante. Elend habe ich mich gefühlt, so was von elend, alleingelassen und ohne jede Hoffnung auf Besserung. Meine Stimmung war so weit unten, dass feststand: Es ist alles scheißegal. Logische Folge davon war, dass es auch egal war, ob ich rauche oder nicht. Tja. Sucht gegen K 2:0, Aufschlag K. Anpfiff Punkt Mitternacht in der nächsten Runde gegen diesen heimtückischen Gegner.
Es ist ja sowas von zum Kotzen. Was bisher geschah: Gestern Nachmittag die (vermeintlich) letzte Kippe geraucht. Später zu Herrn D gefahren und ihm sein Handy gegeben. Dann zu Frau C gefahren. Ohne größere Probleme nicht geraucht den ganzen Abend, bis ca. ½ 1 Uhr. Zu dem Zeitpunkt wollte ich auf ihren Balkon, eine rauchen. Reaktion Frau C: Natürlich kannst du rauchen, aber nicht bei mir, nachdem du aufgehört hast – dann musst du jetzt eben heimfahren. ½ Stunde Diskussion, Ergebnis: Aushändigung der Kippen an Frau C, nicht geraucht und ins Bett gegangen. Heute Morgen beim Kaffee: Keine nennenswerten Entzugserscheinungen. Irgendwann heimgefahren, an der Ortsausfahrt zu S die ARAL unbeachtet liegengelassen. Nach Hause gefahren, Kartoffeln geschält, Schnitzel paniert und ins Sportstudio gegangen. Moderates Krafttraining, anschließend 60 Minuten Konditionstraining. Mittagessen, Mittagsschlaf. Keine weiteren Entzugserscheinungen, bis auf ballonartigen Bauch und heißen Kopf. Nach dem Wachwerden Kaffee getrunken, anschließend spazieren gegangen. Soweit alles in Ordnung. 21 Uhr: Spontanentschluss – Tankstelle. 1 Schachtel Golos blau, bitte!.3 hintereinander geraucht.
Ich Idiot, ich. Gehen Sie zurück auf Start. Neuer Starttermin: Heute, 22 Uhr. Scheiße, scheiße, scheiße.
Das rauchfreie Leben sollte heute mit dem Aufstehen beginnen. Ich habe mich erst lange Zeit nicht aus dem Bett getraut, und nachdem das endlich geschafft war, fiel mir ein, dass im Rucksack doch noch ein paar Kippen sein müssten. Nunja. Der Beginn des rauchfreien Lebens wurde daraufhin verschoben auf 12 Uhr mittags. Dabei bleibts nun. Ist zwar weder der kalendarische noch der biologisch-gefühlte Tagesbeginn, aber dafür für mich die optimale Zeit, um aufzuhören…
Die soeben getroffene Differenzierung zwischen dem kalendarischen und dem biologisch-gefühlten Tagesanfang wurde als das erkannt, was sie ist: Ein erster Versuch der Sucht, sich gegen ihre Niederlage zu wehren. “Und bewahre uns vor dem Feuer der Hölle” heißt es im Rosenkranz. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Die letzte Zigarette wollte ich mit dem letzten Glockenschlag von St. Peter zu Mitternacht ausmachen. Leider läuteten die Glocken nicht und es wurde 00:02:56 Uhr. Aber immerhin. Immerhin Herr K. Wir gratulieren Ihnen: Sie sind frisch geborener Nichtraucher. Nein. Ich bleibe Raucher, rauche aber nicht mehr. Gut so. Jetzt zum Hörspiel “Atlantis”, das ich heute Abend bei Bayern 2 aufgenommen habe. Ohne Rauchpause. Es wird ein Genuss.
Heute ist also der 11.1. Rauchfrei werde ich sein ab dem 12.1. Vor dem entschlossenen, mit allen Mitteln von Körper, Seele und Geist geführten Kampf stehen noch einige Vorbereitungen praktischer, mentaler und religiöser Art an. Und eine Vorfrage muss vorab geklärt werden: Wann beginnt der 12.1.? Im kalendarischen Sinn um 0.00 Uhr. Bis dahin sind es nur noch wenige Minuten, und ich mache mir bewusst, dass der 12.1. im biologisch-gefühlten Sinn erst morgen früh beginnt nach dem Aufstehen, einem Aufstehen, dem keine erste Zigarette folgen wird, aus dem Küchenfenster in den Samstag hinaus geraucht.
Nein, nicht nur etwas Fehlendes wird es geben, sondern auch etwas Neues. Frische, ungetrübte Luft, ein mutiges und entschlossenes Atmen in einen neuen Lebenszyklus hinein, in mehr Unabhängigkeit, weniger Lungenrasseln. So werde ich das also sehen. Zumindest wäre es besser, ich würde es so sehen. Restliche Kippen und Tabakreste werden heute Abend sicher entsorgt, um dem Automatismus morgen früh keine Chance zu lassen. Und vor dem Schlafengehen werde ich sie runterzerren, diese ekligen, stinkigen Dinger, in meinem Nichtraucherbuch lesen und im Rosenkranz bei der Chefin um Kraft zu bitten, für das was morgen kommt.