Tagestext 17.06.2008

monster.senf abgeben 17.06.08 - 23:02 von K.

K sah nun ein, dass es zwecklos war, der in der Hängematte liegenden Frau ein weiteres Mal zu erklären, dass er generell schlecht hörte und ihre genuschelten, halb verschluckten Worte nicht verstand. Sie redete weiter auf ihn ein, nuschelte und murmelte und murmelte und nuschelte weiter und immer weiter. Gelangweilt schaute K durch den halb geöffneten Eingang des Zelts nach draußen, wo nur einen knappen Meter entfernt eine nicht enden wollende Reihe von Schuljungen mit kurzen, grauen Hosen und langen Kniestrümpfen vor dem Zelt vorbeiging und ein Kirchenlied sang. Er drehte seinen Kopf wieder der Frau zu und fasste ihr zwischen die Beine. „Na da schau her!“, fauchte sie ihn sehr deutlich in bestem Hochdeutsch an. „Unser feiner Herr K! Unser ehrlicher Herr K! Ich denke, du verstehst mich nicht, du Dreckskerl? Hm?“ Ohne sich zu bewegen, zog sie sich aus. Aus den Schulkindern draußen wurde eine Kompanie Soldaten und aus dem Kirchenlied ein Gewitter, dessen Blitze das Innere des Zeltes stroboskopartig aufflackern ließ.


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Tagestext 06.04.2008

6 monster.senf 06.04.08 - 02:01 von K.

Eine überaus entzückend anzuschauende Ghettoschlampe Mitte 20 zog heute Ks Blick und sein augenblickliches Interesse auf sich, als sie im LIDL vor ihm in der Schlange stand. Kompromisslos billig war alles an ihr – die Kleidung, ihr Schmuck, ihr tierisch-dummer Blick und der Geruch nach Frittenfett, den K begierig einsog. Ihr niedlicher kleiner Arsch zeichnete sich überdeutlich unter einer lächerlich engen Hose ab. Überhaupt war sie zu kalt für die Witterung angezogen, aber Magersüchtige spüren angeblich Kälte nicht, dachte K und betrachtete sie mit steigendem Appetit. Er ließ seine Augen von den nur als Andeutung vorhandenen, winzigen Titten zu ihrem Mund gleiten. Als sie seinen Blick aufmunternd erwiderte und ein Lächeln wagte, drehte er, ohne eine Miene zu verziehen, nur verachtend den Kopf zur Seite und las gelangweilt den Einkaufszettel.


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Tagestext 26.03.2008

7 monster.senf 27.03.08 - 00:25 von K.

Das Gras, durch das K bei Vollmond lief, reichte ihm bis zu den Schultern. Über ihm war Nacht und er ging auf die Berge zu, die sich in der Ferne schwarz abzeichneten. Von einer Anhöhe aus sah er in einem sanften Tal Eingeborene um ein Feuer sitzen. Sie hielten ihre Nasen, deren übergroße Nüstern zitterten, in den Wind und hatten ihn gewittert, noch bevor sie ihn sahen. Ihr Gemurmel verstummte. Da jeder Versuch, zu fliehen, sinnlos war, ging K mit festem Schritt auf sie zu. Als er bei ihnen angekommen war, sah er einen niedrigen Käfig neben den Schwarzen stehen, in dem eine sehr junge Frau, fast noch ein Mädchen, in gebückter Haltung kauerte. Der älteste der Männer drehte sich zu K und begann, in einer asiatischen Sprache auf ihn einzureden. In seiner Hand drehte er langsam eine Lupe, deren Rand rot glühte. K hielt seinen Kopf schräg, so dass ein Ohr genau in die Richtung der Lupe wies, deren Glas nun zu vibrieren begann und ihm eine Übersetzung dessen zuflüsterte, was der Alte sagte. „Die Kleine ist behaart, aber sehr zart, sehr behaart und doch zart, behaart, aber zart. Zart wie ihre Schwester.“ Bei diesen Worten kicherte er, beugte sich vor und riss ein Stück Fleisch aus dem Braten, der über dem Feuer hing, und warf es zu K, der es gierig verschlang. Das Mädchen im Käfig lächelte ihn mit strahlend weißen Zähnen an. K begann, schneller und immer schneller um das Feuer und die Männer zu laufen, bis sich seine Füße vom Boden lösten und er abhob. In der Höhe wie ein Vogel über den anderen kreisend, stieß er einen Schrei aus, so dass sich der Käfig öffnete und das Mädchen zu ihm hochflog. „Sie ist doch kein bisschen behaart“, freute sich K, umschlang ihren nackten Körper und flog mit ihr in die warmen, dichten Wolken hinein.


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Tagestext 17.03.2008

2 monster.senf 17.03.08 - 21:44 von K.

K spürte die Sonne angenehm warm, fast heiß auf seinen Rücken scheinen. Die Frau, die ihm im Wald gegenüber saß, schaute ihn freundlich und aufmerksam mit ihren blauen, geschlossenen Augen an. Sie hatte die eine Hand auf den Holztisch gelegt und lackierte langsam ihre Fingernägel zartrosa. Zu jeder ihrer Bewegungen erklärte sie K ausführlich, warum diese genau so und nicht anders ausgeführt werden müsse. Mal sprach sie leise und sehr eindringlich, mal flüsterte oder hauchte sie nur die Worte. Mit immer noch geschlossenen Augen hielt sie K die langen Nägel ganz nah vor die Augen und zeigte ihm die Stelle, an der der künstliche Nagel an den natürlichen angeklebt war. K setzte seine Brille ab um diese Grenze besser zu erkennen, die aus der Nahperspektive unvermittelt zur Grenze zweier Länder auf einer Landkarte wurde. Er sah wieder zu ihr auf und wusste, dass es überhaupt nicht in Betracht kam, sie zu fragen, warum sie ihre Augen nicht öffnete.


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Tagestext 06.03.2008

4 monster.senf 06.03.08 - 23:36 von K.

Auf dem Küchentisch stand ein tiefer Teller, der bis oben hin gefüllt war mit gekochten Hühnerflügeln, die die Grundlage für die morgige Suppe bei K bilden und darin als Fleischeinlage dienen sollten. Mit vor Hühnerfett triefenden Fingern ergriff er einen gekochten Flügel nach dem nächsten. Sein Daumen und Zeigefinger fuhr genau am Knochen entlang und löste zunächst das Gemenge aus glitschiger, leicht klebriger Haut, Muskeln, Knorpelmasse und feinen bräunlichen Adern heraus, um im nächsten Arbeitsschritt die Muskelstränge zu isolieren von dem fettigen Hautmantel und den übrigen Bestandteilen, die als Suppeneinlage ungeeignet waren. Dabei fiel ihm auf, dass das, was zunächst ein größerer Muskel zu sein schien, sich in zahlreiche meist spindelförmige Stränge zerteilen ließ, die an dünnen, aber doch reißfesten Sehnen am Knochen befestigt waren. Bei einem halbrunden Muskel in der Nähe der Stelle, wo der Flügel des Huhns von dessen Rumpf abgetrennt worden war, fiel ihm die Frau ein, die heute am Elternabend neben ihm gesessen hatte und die ihm durch überaus kräftige, fleischige Oberschenkel aufgefallen war. K fragte sich, ob ein Riese, wenn er diese Dame in einem großen Kopf gekocht hätte, ihre Gesäßbacken mit einem ebenso zartem Druck des Daumennagels aus den Knochen herausdrücken würde, wie K es gerade mit jenem halbrunden Muskel des Hühnerflügels tat. Er lächelte wohlwollend bei dieser Vorstellung.


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Tagestext 07.02.2008

6 monster.senf 08.02.08 - 00:28 von K.

Ein Menschenkörper aus weichem Kunststoff und mit übergroßen Händen steht gegen Mitternacht mit eingezogenen Schultern vor dem Schaufenster des Elektrogeschäfts. Der Blick geht die Hose entlang nach unten, bis dahin, wo irgendwo in gebirgsschluchtartiger Tiefe seine Schuhe auf dem Boden stehen. Das sind also die Ausmaße meines Menschenkörpers, hört sich das Hirn des Menschenkörpers wie von außen zu sich selbst sagen. Weiße und rote Lichter vorbeifahrender Autos, rote, gelbe und grüne Lichter einer Ampel spiegeln sich in der Fensterscheibe. Reglos steht die Gestalt da, und die Zeit steht nicht still, sondern es gibt sie nicht. Sie sieht nicht auf den großen Flachbildschirm, sondern starrt daneben, weil die Haltung des Kopfes diese Blickrichtung eben zufällig so vorgibt, und weil sich nichts ändern lässt, die Kopfhaltung nicht und die Blickrichtung nicht und die Gedanken nicht, weil es keine Gedanken gibt. Sie starrt auf einen ausgestellten Kühlschrank mit Preisschild, dessen Tür einen Spalt weit geöffnet ist. Der Menschenkörper aus weichem Kunststoff starrt auf seine übergroßen Hände, die nicht dazuzugehören scheinen, die sich aber bewegen lassen, geradeso wie eigene Hände sich bewegen lassen. Die rechte Hand dreht sich marionettenhaft nach oben. Die rote Zigarettenglut hebt sich scharf konturiert vom Dunkel ab und trifft auf die Innenfläche der anderen Hand, der linken Plastikriesenhand. Die Gestalt hebt den Kopf, betrachtet ihr Spiegelbild im Schaufenster und erkennt wie von ganz fern und wie durch dichten Nebel hindurch sich: K.


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Tagestext 27.01.2008

7 monster.senf 27.01.08 - 08:23 von K.

Ks Rhythmus entsprach es nicht, sonntags morgens gegen 5 Uhr wach zu werden. Wenige Minuten vorher war er noch in der geräumigen Villa des Mandanten gewesen, der ein dickes Päckchen Haschisch auf den Tisch gelegt hatte. Zum Frühstück. Das Päckchen war weg, der Traum auch. Statt dessen war der Morgen da. Großstadtdunkelblau war er da im Himmel über dem Innenhof. Lichter im fernen Hochhaus. K zählte die Kippen auf der Fensterbank. Wieder geraucht. Andere hatten ein Ziel. Sie liefen oder gingen, marschierten oder schlenderten, hüpften oder sprangen. Er stolperte, vielleicht aus einer gewissen Nachlässigkeit. Er zählte nochmals die Kippen. Andere zählen Kühe, dachte K und er dachte an Misses Jones, an einen Bildausschnitt mit Bauch und Piercing. Lohn der frühen Stunde, Schadensersatz für verfrühtes Erwachen. Ins Netz gegangen, im Netz verfangen. Mitgehangen, mitgefangen. Gedanken aus, Kippe aus, Licht aus und zurück ins Bett.


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Tagestext 22.01.2008

2 monster.senf 22.01.08 - 22:13 von K.

Ihre Augen glitten zügig über den Bildschirm. Was sie da las, war für sie bestimmt. Innerhalb weniger Tage war sie Teil einer fremden Geschichte geworden, von der sie nicht einmal wusste, ob K sie erfunden oder wahrheitsgemäß berichtet hatte. Vielleicht, und zutrauen würde sie es ihm, verschwieg sie Entscheidendes. Sie hatte einen ihrer Gegenstände in diese Geschichte hinein getragen. An all die Bilder, die sie mit diesem Gegenstand jetzt und später verband und noch verbinden sollte, dachte sie. Erst noch zögernd, dann aber immer wohlwollender. Sie, die K niemals persönlich gesehen oder gehört hatte, war Teil seines Systems geworden. Sie passte augenblicklich ihre Körperhaltung den veränderten Umständen an und begann, sehr aufmerksam zu warten.


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Tagestext 05.01.2008

3 monster.senf 05.01.08 - 08:40 von K.

Um seine Missbilligung über Ms nicht geäußerte, beleidigende Gedanken zu zeigen, zog K den ausgestopften Falken des M aus dessen Rucksack heraus und hängte ihn an einen der Garderobehaken des Lokals. Dort glotzte das ehedem stolze Tier nun zwischen Mänteln und Jacken mit verdrehtem Kopf und glasigen Augen hervor auf den Holzboden. K ging zurück zu seinem Tisch in der Gaststube und setzte sich wieder neben M, dessen Körperhaltung und Blick, ebenso wie das Aussehen der anderen Gäste, deutlich dem des Falken ähnelte. Von irgendwo her rollte ein gewitterartiges, lautes Lachen heran, das die Federn am Hals des M erzittern ließ.
 


 
Das Wirtshaus in F unterschied sich in nichts von anderen Wirtshäusern.


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Tagestext 04.01.2008

8 monster.senf 04.01.08 - 01:23 von K.

Dort, wo die Straße eine Biegung machte, lag am Straßenrand ein Heiligenbild. K hob es auf und roch daran. „Eine schlechte Angewohnheit“, dachte er, „an Dingen unbekannter Herkunft zu riechen“. Die Straße führte aufwärts weiter ins Gebirge, der Baumbewuchs nahm ab. Als hinter einer Bergkuppe eine Gestalt sichtbar wurde, die ihm langsam entgegen kam, steckte K das Bild hastig in die Hemdtasche. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er es stundenlang in der rechten Hand gehalten hatte. “Es besteht kein Grund, sich vor wandernder Kleidung, in der kein Mensch steckt, zu fürchten”, beruhigte sich K. Dennoch konzentrierte er sich, als die Gestalt auf der anderen Straßenseite vorbeiging, darauf, den Blick nicht von der weißen Markierung am Straßenrand abweichen zu lassen. Auch betonte er jedes einzelne Wort des sicher und leise rezitierten Rosenkranzes, bis die Gestalt aus dem äußersten Rand seines Blickfelds verschwunden war. K ging weiter, ohne sich umzudrehen, kalter Wind kam auf und wehte widerstandslos durch ihn hindurch, ohne dass er fror.


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